Große Tagestour: zum Grappa kaufen nach Livigno

  • Servas mitanand,


    ich habe schon lange keine Vorräte von meinem Lieblingsgrappa mehr und wenn ich denn zum Nachschubholen aufbrechen wollte, machte mir immer das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Zufällig ergab es sich, dass ich einmal ein paar Überstunden abbauen sollte und sich tatsächlich die Möglichkeit auch ergab, also am Donnerstag Abend mal schnell geprüft ob irgendwelche Pässe gesperrt sind: nein, alles grün. Die Tour über Reschen, Stilfser Joch, Livigno, Berninapass, Albulapass, Lenzerheide und zurück nach Hause passte noch nicht ganz zum Zeitkontingent, also wurden noch schnell der Gavia und ein Schlenker über den Apricapass hinzugefügt. Noch schnell das Navi beladen und dann ins Bett, denn es sollte am nächsten Morgen früh los gehen. Seeehr früh. Rückblickend betrachtet war das mal wieder eine typische Èrdna-Chaostour (obwohl ich dieses Mal ausnahmsweise nichts dafür konnte) - trotz allen Widrigkeiten war es aber auch eine phantastische Tour mit unbezahlbaren Momenten, die ich so wohl nicht noch einmal erleben werde. Doch lest selbst:


    Freitag, 31.07.2020


    Planmässig klingelt mich der Wecker um 05:00 aus Träumen von schönen Motorrädern und schnellen Frauen. Draussen ist es noch ziemlich dunkel. Warum tue ich mir das eigentlich an? So früh stehe ich sonst nichtmal auf, wenn ich schaffen muss. Egal. Einen ersten Kaffee ausgelassen, Wetterradar gecheckt: passt. Also ab unter die Dusche, dann noch eine schnelle Semmel und um Punkt 06:00 rollt Scarlett aus dem Stall.


    Um etwas Zeit und Strecke zu sparen und nicht später im Tirol in den Berufsverkehr zu kommen, führt die erste Etappe von Dornbirn bis kurz vor den Arlbergtunnel über die Rheintalautobahn. Um die Uhrzeit entspannt zu fahren. Bei Klösterle verlasse ich die Bahn, und beginne ein langsames warmfahren am Arlbergpass hinauf nach St. Christoph am Arlberg.


    Um kurz nach 7 ist hier natürlich noch alles geschlossen. Schade, eine weitere Koffeintransfusion hätte gut getan. Macht aber nichts, sitzen wir also wieder auf und schmurgeln gemütlich runter nach St. Anton. Wenn kein Verkehr ist, macht die Strecke richtig Spaß. Anschließend geht es nochmal zurück auf die Autobahn, die ich in Landeck verlasse und durch das Inntal in Richtung Reschen unter die Reifen nehme.


    Hinter Pfunds biege ich dann an der Kajetansbrücke ab, um ein erstes Stück eidgenössischer Straßen mitzunehmen. Auch hier ist noch tote Hose, also immer noch nix mit brauner Brühe.


    Dafür aber eine tolle Strecke und um die Uhrzeit haben die Eidgenossen überall Wachwechsel, weswegen ich nicht mit der Rennleitung rechnen muss und bis Martina schonmal etwas die Kuh fliegen lasse. Scarlett muss gleich warm sein, denn dort biege ich ab zu einem kleinen Streckenabschnitt, der mir immer wieder ein Grinsen ins Gesicht zaubert: die Martinsbrucker Straße aka Norbertshöhe. Hier gibt es auf wenigen Kilometern komprimierten Fahrspaß: enge Kehren, schnelle Abschnitte und Kurven und ohne Touristen macht das dann gleich doppelt so viel Spaß. Vor mir ein R6, der es auch ordentlich krachen lässt. Respekt, der fährt sie Strecke auch nicht zum Blümchenpflücken. ;)


    Leider ist der Spaß viel zu schnell vorbei und bei Nauders geht es dann auf die Reschenstraße. Kurz vor der Grenze zu Bella Italia wird noch schnell günstig etwas Saft für Scarlett erstanden, dann bin ich bald auch schon am Reschensee. Reschenpass ist zwar eine deutliche Übertreibung, da die Strecke weder Kurven noch Kehren hat, aber immerhin bringt man langsam Stück für Stück die teilweise desolate Fahrbahn in Ordnung. Wird ja auch mal Zeit!


    Der obligatorische Stop am Kirchturm


    fällt mit einer Tschicklänge kurz aus, es gibt noch immer keine braune Brühe zu erstehen. Dann halt nicht. Uhrzeitbedingt nimmt der Verkehr jetzt natürlich zu, hinzu kommt eine Baustelle bei Mals und so stehe ich bald zum ersten Mal in diesem Tag im Stau. Vorschlängeln scheidet leider größtenteils aus: die Rennleitung steht auch im Stau. Hmpf. Irgendwann gehts aber doch weiter und bei Schluderns liegt ein Eurospar günstig an der Straße. Zeit für Frühstück. Und den ersehnten Kaffee.


    Nach einem ordentlichen Vintschgerl mit bestem Speck und schmackhaftem Käse, großem Kaffee und einem halben Liter Wasser kann es weitergehen. Nicht mehr weit bis Spondinig und der Abzweigung in Richtung Stilfser Joch. Ohne nennenswerten Verkehr geht es über die Stilfser Brücke und Gomagoi weiter in Richtung Stelvio.


    Hier mache ich mich dann beinahe zum Horst des Tages. Bereits seit zwei Kilometern schleicht vor mir ein Schweizer. Irgendwann reicht es dann und ich setze den Blinker zum Überholen. Leider setzt er in dem Moment den Blinker rechts, zieht nach links um irgendwo einzubiegen. Knappe Kiste, da ist dann die Ungeduld mit mir durchgegangen.


    Ich akzeptiere das als Warnschuss, das war absolut unnötig. Geduld haben Du muss, junger Padawan...


    Trotzdem geht es natürlich weiter - allerdings stehen bei Trafoi am Aufgang zum Pass Warnschilder und eine elektronische Anzeige verweist auf die gesperrte Abfahrt nach Bormio. Oh Schice. Falls ich nicht runter nach Bormio kommen sollte, kann ich mir die Tour in der Form von der Backe schmieren. Aber: hier gibts ja häufiger mal einen kleinen Felssturz oder sowas und meistens ist der Pass dann relativ schnell wieder befahrbar. Ich riskiere also mein Glück, während andere Fahrer umdrehen. Dafür werde ich belohnt: so wenig Verkehr werde ich auf dem Weg nach oben vermutlich nicht noch einmal erleben. Was für ein geiler Ritt!


    Auf der Passhöhe geht es dann direkt zur Tibethütte. Nach der Adrenalinausschüttung brauche ich dringend eine Koffeintransfusion. Es bietet sich natürlich das gewohnt fantastische Bild über die Serpentinen (klicken für 360-Grad Panorama!)


    und nachdem ich einen großen Cappucino und einen halben Liter Wasser vor mir stehen habe, packe ich die Mavic aus. Begleitet wird das ganze von den obligatorischen Fragen der anderen Besucher (Ist das eine Drohne? Wie schnell ist die? Kann man damit auch telefonieren? Darf ich auch mal? usw.). Start in 3...2...1...we have Lift-off!


    Da ich für die Bartgeier noch zu früh dran bin, packe ich meine Sachen und beschließe mein Glück zu versuchen. Angeblich ist eben ein Auto von Bormio hochgefahren. Der Bekannte eines Cosuins des Kellners hat eine WhatsApp geschickt...


    An der Abzweigung zum Umbrailpass ist zwar die Schranke unten, aber ein schweizer Päärchen mit Wohnmobil will das Auto auch gesehen haben und sein Glück riskieren. Während Männe die Schranke hochhält, quetsche ich mich mit durch. Et hätt noch immer jot jegange.


    Tut es dann auch und ohne Gegenverkehr ist das mal wieder ein arschgeiler Ritt.


    Bis zu dem Punkt, an dem die Straße wirklich nicht passierbar ist.


    Aaaaber: da hinten war doch eben so eine kleine Abzweigung... da könnte man ja vielleicht... kann man. Durch ein Naturschutzgebiet und über Schotter. Nicht schön, aber selten. Die Alternative wäre zurück, den Umbrailpass runter und dann die ganze Tour umstellen. TomTom sagt Nein.


    Nach der Schottereinlage komme ich tatsächlich beimBagni di Bormio Bagni Nuovi wieder raus. Ein paar Jungs aus Niederösterreich, mit denen ich vor dem Tunnel an der Ampel gestanden habe fahren aus der anderen Richtung an mir vorbei. Interessant - es gab also scheinbar noch eine Möglichkeit. Direkt mal notieren, falls sowas nochmal vorkommt.^^


    Glücklich mache ich mich auf in Richtung Gaviapass. An den regulären Zufahrten zum Stelvio sperrt die Polizei und hier und in der ganzen Stadt sieht man immer wieder weinende Bikergrüppchen. Drama Baby.


    Leider hält meine Freude nicht allzu lang. Bei San Antonio stehen schon wieder so komische Schiler auf der Straße...


    Straße gesperrt. Das soll doch wohl ein Witz sein. Kurzer Check: weder TomTom, noch Google wissen etwas davon. Eine Verschwörung der indigenen Bevölkerung oder stecken vielleicht doch die Echsenmenschen dahinter?


    Die beiden anderen Ösis und ich beschließen unser Glück herauszufordern. Zumindest auf der Auffahrt zum Pass ist nichts von einer Sperre zu sehen. Die Straße ist gewohnt schlecht, trotzdem macht sie Spaß. Oben dann tatsächlich der Hinweis, dass etwas nicht ganz in Ordnung zu sein scheint.


    Kurzentschlossen hole ich die Drohne raus, da wollen wir doch mal sehen, ob man etwas sehen kann.


    Man kann, und es sieht gar nicht sooo übel aus. No risk, no fun. Also aufsitzen und weiter, kurz noch ein Foto vom Lago Nero machen


    und bald daruf stehe ich auch schon vor der Verschüttung.


    Mit der CBF ist es dann nicht ganz so einfach wie anfangs angenommen, denn ich setze mit dem Krümmer auf. Auch die Power 5 sind vermutlich in so einer Situation nicht unbedingt die optimalen Reifen... immerhin unterstützen ein paar freundliche Italiener moralisch und lachen sich vermutlich über mich kaputt.^^


    Dafür werde ich anschließend entlohnt. Den Gavia werde ich vermutlich nie, nie wieder in meinem Leben ohne Gegenverkehr fahren können. Wer die Strecke kennt weiß, dass das an einem normalen Tag wegen den brutal schlechten Straßenverhältnissen und der engen Strecke mit viel Verkehr wirklich kein Zuckerschlecken ist - was sehr schade ist, denn optisch und von der Streckenführung an sich ist der Gavia ein echtes Highlight und zählt zu meinen persönlichen Top 10. Schneller als die veranschlagten 30km/h kann man hier aber normalerweise wirklich nicht fahren und muss sich höllisch konzentrieren. Ich dagegen habe eine 1:1 Mio. Chance gehabt und sie dankbar ausgenutzt. Wie geil. Zum zweiten Mal heute. ;)


    Unten in Pezzo lockte dann wie üblich ein Stop in der Osteria Pietra Rossa.


    Der erste halbe Liter Wasser und ein doppelter Espresso bildeten dann auch schnell eine Dampfwolke um meinen Kopf. Ganz schön warm hier unten...

    Zur Belohnung für die bisher doch verdammt gute Tour gab es dann ein Hirschragout mit Polenta. Einfach, bodenständig und sehr ehrliche Küche der Region. Zum Niederknien!


    Bei einem Plausch mit einer Bedienung fand ich dann auch heraus, dass in der vergangenen Nacht bis in die frühen Morgenstunden schwere Unwetter über der gesamten Region getobt hatten. Das erklärte natürlich auch die Muhrenabgänge am Stelvio und Gavia. Muss wohl ziemlich heftig gewesen sein und wie hier in Pezzo


    stieß ich immer wieder auf Hinterlassenschaften der Nacht. Da habe ich ja im Endeffekt wirklich Schwein gehabt, dass ich noch durchgekommen bin!


    Von Ponte di Legno ging es dann über Edolo und den Passo Aprica weiter nach Tirana. Hätte ich gewusst, dass ich den großen Teil der Strecke in einer Kolonne hinter einem polnischen Sattelzug festhängen würde, hätte ich bei Monno die Abzweigung zum Passo Mortirolo genommen. Habe ich aber nicht, und so konnte ich den Sattelzug erst kurz hinter Aprica überholen, wurde dafür aber hinunter nach Tresenda nochmal mit einer tollen Kurvenstrecke belohnt. Unten im Tal waren es dann wieder locker 33 Grad, also Jacke leicht aufmachen und auf den nächsten Stop in Tiana zuhecheln. Glücklicherweise hatte ich noch ausreichend Wasser im Topcase.


    Hinter Tirana heißt es dann wieder einmal eidgenössischen Boden unter die Räder zu nehmen. Der Berninapass lockt und zwischendrin steht noch ein kleiner Abstecher nach Livigno an, um den eigentlichen Zweck der Reise zu erfüllen: Grappa kaufen.


    Entsprechend biege ich vor der Passhöhe ins Livignotal ab, dübel schnell die Forcola runter und tanke erstmal voll. Die Preise hätte ich gerne immer!


    Nochmal zurück über die Forcola und dann kurz vor der Grenze in diesen kleinen Laden am Forcla, der nicht nur verdammt geilen Käse und Wurst hat, sondern eben auch meinen ganz besonderen Grappa. Den könnte ich zwar auch online beim Hersteller bestellen, nur wäre er dann doppelt so teuer. Verbunden mit dem günstigen Saft finanziert sich die Tour heute somit fast von alleine. Und die Aussicht ist auch toll. ;)


    Weiter geht es wieder zurück in Richtung Berninapass, bis zum Hospitz ist es nur ein Katzensprung. Trotzdem noch ein kurzer Fotostop:


    Erstaunlicherweise boxt hier der Papst im Kettenhemd. Auch wenn es das Foto nicht ganz hergibt: hier sind wahre Menschenmassen unterwegs. Keiner trägt eine Maske und Abstand ist in der Schweiz scheinbar auch kein großes Thema. Ich entscheide mich gegen einen Kaffee und sitze wieder auf.


    Es geht weiter den Berninapass hinunter, ziemlich langweilig. Hinter Pontresina biege ich nicht ab nach St. Moritz, sondern Richtung La Punt. Hier ist wieder mal Stau an der schmalen Ortsdurchfahrt vor der Abzweigung zum Albulapass. Ein Kawafahrer mit einer Z fällt mir auf, weil er sich wirklich noch auf den letzten Drücker vor mich schieben muss. Hinter der Abzweigung dann eine kleine Baustelle mit roter Ampel. Freund Kawa ganz vorne. Challenge accepted - dann zeig mal, was Du kannst... Was folgt, ist eine der spaßigsten Einlagen, die ich in der Schweiz je hatte. Dass wir dabei unwesentlich das Tempolimit von 80km/h reissen - geschenkt. Die Rennleitung habe ich den ganzen Tag außer am Stilfser Joch noch nirgendwo gesehen, also riskieren wir es. Lasset die Spiele beginnen... Erst geht er es noch relativ gemütlich an, so einen Kofferträger wird er schon los. Denkt er und liegt falsch. Später erhöht er das Tempo und jetzt beginnt die Sache Spaß zu machen. ;)


    Auf der Passhöhe


    biegen wir beide ab, schauen uns an und zeigen simultan einen Daumen hoch. So kann´s gehen. Ich bin mal wieder Stolz auf Scarlett. Für einen Tourer schlummern doch erstaunliche Bergziegen-Gene in ihr. ;)


    Runter nach Berggrün und Albula lassen wir es dann doch aber wieder etwas gemütlicher angehen, was auch amzunehmenden Verkehr liegt. Ist halt Freitag am späten Nachmittag, langsam wollen alle wieder nach Hause. Über Vaz, die Lenzerheide und Churwalden geht es dann weiter nach Chur, wo eine weitere Pause zur Regulierung des Flüssigkeitshaushaltes ansteht.


    Ab hier geht es dann gemütlich über die Deutsche Straße Richtung Landquart und weiter nach Maienfeld. Hier lockt ein Brunnen, der mir schon an so manch heißem Tag eine willkommene Erschrischung geboten hat. Heute heißt es mal wieder "rein mit dem Kopf" und die Verdunstungskühle über die letzte knappe Stunde bis nach Hause mitnehmen.


    Wie gewohnt geht es über den St. Luzisteig, Vaduz und Feldkirch, wo ich erneut auf die Autobahn abbiege, um mir eine knappe halbe Stunde Heimweg zu sparen.


    Nach knapp 600km und 13,5 Stunden wird es jetzt wirklich Zeit für ein Stiefelbier.

    Ich kenne die Hälfte von euch nicht halb so gut, wie ich es gern möchte, und ich mag weniger als die Hälfte von euch auch nur halb so gern, wie ihr es verdient.

    2 Mal editiert, zuletzt von Erdna ()

  • Und weil im letzten Beitrag kein Platz mehr war gibt es hier noch die .gpx von der Tour. ;)

    Dateien

    Ich kenne die Hälfte von euch nicht halb so gut, wie ich es gern möchte, und ich mag weniger als die Hälfte von euch auch nur halb so gern, wie ihr es verdient.

  • Michi : Ehrensache. Wobei Du das auch ganz gut kannst... ;)

    Ich kenne die Hälfte von euch nicht halb so gut, wie ich es gern möchte, und ich mag weniger als die Hälfte von euch auch nur halb so gern, wie ihr es verdient.

  • Joa, so etwas über 40% mehr PS als Scarlett.^^

    Ich kenne die Hälfte von euch nicht halb so gut, wie ich es gern möchte, und ich mag weniger als die Hälfte von euch auch nur halb so gern, wie ihr es verdient.

  • Hi André,

    schließe mich uneingeschränkt an: (mal wieder) toller Bericht, saugute Fotos und Filme!

    Freue mich schon jetzt auf den Bericht von Eurer Dolotour und drücke Euch die Daumen, dass Ihr fahren könnt.

    Beste Bikergrüße

    Elke


    "Umwege erweitern die Ortskenntnis...."

  • Da hast Du Dir viel Arbeit gemacht, dafür mal ein grosses Danke.

    Dank Deiner Videoeinlagen konnte ich auch feststellen, dass auf Italiens engsten Paßstrassen, ebenso wie hier bei mir zu Hause, diese Radfahrer ungeniert nebeneinander herfahren und nerven...

    Wenn ich Kultur will, stell' ich mir ein Joghurt vor die Tür...